Viđenja - Crveno I-IV, VI*

Die Fotografien sind Teil einer Serie, die ich letzten Sommer, während eines von Belgrader Kunstwissenschaftlerinnen organisierten Rundgangs, zum Thema das sozialistische Erbe und Erinnerungskultur aus heutiger Sicht-die Stadt als Tresor, im und um das Belgrader Zentrum für Körperkultur Vračar, aufgenommen habe. Eine Historikerin sprach und führte uns über das Gelände. Ich drückte immer dann auf den Auslöser, wenn sich die Räume von Sporttreibenden und anderen Teilnehmenden geleert hatten. Wie so oft in Belgrad hatte ich unvermittelt das Gefühl mitten in einer, für die anderen unsichtbaren, Rauminstallation zu stehen, gestaltet im Laufe der Zeit durch temporäre, zufällige und pragmatische Arrangements. Ich versuche den auf Nutzung der Gebäude und Plätze beschränkten Blick zu erweitern, um die erzählerischen Elemente, die von vergangenem und gegenwärtigem Gebrauch berichten, sichtbar zu machen. Neben Ablagerungen von Geschichte bin ich Abbildungen von merkwürdigen, mit Worten kaum fassbaren, gesellschaftlich gespeicherten Gefühlszuständen und Bewusstseinsräumen auf der Spur, die an mich und, wie ich vermute, ebenso an andere, seit Generationen weitergegeben werden. Die Motive erscheinen erst im Augenblick der Abbildung, in der Festlegung des Bildausschnitts und des Blinkwinkels. Es sind universelle Momente, beispielsweise solche eines heimlich innewohnenden Glanzes, des Verloren-Seins, der absoluten Merkwürdigkeit, des Wunderns, des auf dem Kopfstehens der Welt oder eines nicht aufhören wollenden Fallens. Seit Jahren fahre ich immer wieder von Berlin nach Belgrad. Hier wie dort schaffe ich in meiner künstlerischen Arbeit Räume, mal als Floß, Archiv, Café oder Club. Daraus hat sich entwickelt, dass ich anfing Arrangements in vorgefundenen Räumen fotografisch abzubilden um sie aus ihrem gewohnten Kontext herauszulösen. Einige Fotografien der Serie waren kürzlich in der Ausstellung Grad kao Tresor (Die Stadt als Tresor) in der Remont Galerie, Belgrad zu sehen.

 

* Crveno ist serbo-kroatisch und heißt rot. Rot, eine Farbe zu der ich immer in gebührenden Abstand geblieben war, hatte sich verwandelt in die allgegenwärtige Farbe der Hitze, des Sports, meiner neuen Velour-Leder-Schuhe und des sozialistischen Erbes Belgrads.