Visionerski Transport
2008 bis andauernd

Visionerski Transport – mit dem Floß in die Großstadt
von Nora und Franziska Wicke

Wenn wir – die Gruppe Visionerski Transport - gefragt werden, warum wir uns damals, vor nun mehr fünf Jahren, mit einem Floß in Bewegung gesetzt haben, warum wir ausgerechnet diesen Fluss Save, der die drei Hauptstädte Ljubljana, Zagreb und Belgrad verbindet, auswählten, wünschte ich, ich könnte mit einem Satz beantworten, was in jedem unserer Köpfe dazu herumschwebt. Zusammenfassend aber könnte man sagen, dass die Verbindung zu Flüssen und dem Treiben darauf und Schwimmen hindurch eine Grundvoraussetzung war. Die Idee entstand eines Tages und konkretisierte sich mit einem Blick auf die Landkarte, auf blaue Linien, die sich durch Südosteuropa ziehen. So entschlossen wir uns auf einer Teilstrecke der Save, in einem kleinen Ort im Norden Bosnien Herzegowinas beginnend, auf der Grenze zu Kroatien entlang und bis nach Belgrad zu fahren, bis zur Mündung der Save in die Donau. Die Wahl auf Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien fiel nicht zufällig. So bereisten Einzelne von uns diese Länder Jahre vorher. Das Interesse an den stattfindenden Umbrüchen, die Begeisterung für erfrischende Improvisationsstrategien und nicht zuletzt das Glück am Wiederfinden von Vertrautem in der Fremde, hatte trotz mehrfacher Besuche nicht nachgelassen.

Als wir im Sommer 2008, den von uns mit dem Finger auf der Karte ausgewählten Ort erreichten, wussten wir erstmal weder, wo wir das Floß bauen, noch wie es jemals in Fahrt kommen sollte. Später hatten wir an einer alten Fähre das Holz verbunden, die blauen Tonnen darunter befestigt und ein Dach über unsere Köpfe gebaut. Aber selbst als wir uns schon längst vom Ufer abgestoßen hatten, konnten wir die Begegnungen der folgenden Tage schwer voraussehen. 

 

Unser Reiseziel Belgrad war fast 500 Flusskilometer weit entfernt – wir waren neugierig wie weit es möglich wäre, mit unserem mobilen sieben mal vier Meter großen Sommerdomizil und unserer charmant geringen Kenntnis der lokalen Sprachen zu kommen.
Ein kleiner „meeting point“ wollten wir sein, eine Plattform, nutzbar als Freisitz mit Kaffeeausschank, als Fähre und wippendes Sprungbrett ins Wasser. Wir kamen schnell mit den Bewohnern der Ufer und nahegelegenen Orte, zu deren Leben dieser Fluss selbstverständlich gehört, ins Gespräch und waren hocherfreut über die unkomplizierte Kontaktherstellung. Die im voraus aufgekommene Befürchtung, wir könnten dort ausschließlich für uns herumschwimmen und würden zwar gebräunt, aber im Sinne des Vorhabens nicht vorwärtsgekommen sein, wurden eingetauscht gegen Tomaten aus dem Gemüsegarten unserer neuen Bekannten, gegen helfende Handgriffe und selbstgebrannten Rakija. Wilde Warnungen in Büros und an Telefonen von Behörden und Institutionen fernab des Wassers, das ausgesprochene Verbot die kroatische Seite zu betreten, sowie angekündigte Grenzpolizisten in großer Zahl riefen uns anfangs die Grenze, auf der wir trieben lautstark ins Bewusstsein; nach ein paar Tagen aber war sie wieder ein Fluss geworden.
 
Wir sammelten Pflanzen, Bilder, Gespräche, Wörter, Sounds, Geschichten, Briefe, Stempel, wir schrieben Neuigkeiten auf unseren Blog und kochten am Abend am Feuer. Wir waren nicht nur Floßreisende, sondern eine Expedition, eine selbsternannte ForscherInnengruppe, ein gemischter Haufen aus den Bereichen Kunst, Umwelt, Sozialpädagogik und Literatur.

Wir sind eingetaucht, haben uns treiben lassen auf einem ruhigen und naturbelassenen Fluss, einem schützenswerten Einzelstück in Europa. Wir haben aus einer anderen Perspektive, sozusagen aus dem Inneren heraus, Landstücke, Wasser und Menschen kennen gelernt. Ganz langsam und jeden Tag nur ein Stück weiter, zwischen 2 Uferseiten, ohne Wände und umgeben vor allem von frischer Luft. Anlässlich der Buchmesse in Leipzig war die Ausstellung  Visionerski Transport zu Gast im Kunstraum D21. Anschließend reiste die Ausstellung nach Belgrad in die Galerija 8. Wörter zum Drehen und Wenden, ein Buch zum Lesen, ein Audiostück, ein Floß zum Betreten und Pflanzenbilder in Schwarzweiß sind aus der Reise und unserem vor Ort gesammelten Material hervorgegangen und wurden gezeigt. Erweitert wurde die Ausstellung durch verschiedene Veranstaltungen. So lasen zum Beispiel im Kunstraum D21 junge Studierende der Germanistik aus Mostar (BiH) und Kragujevac (RS) ihre selbstverfassten Texte über das Unterwegssein, über die noch sehr neue Freiheit ohne Visum zu Reisen, über Hindernisse und Sehnsüchte. Sie lasen sie auf dem nachempfundenen Floß im Kunstraum und sprachen mit dem Publikum. Unter anderem vor dem Hintergrund der auf der Reise erfahrenen Gastfreundschaft betrieben wir 2011 bis 2012 in Berlin Kreuzberg Biblioteka kafić, ein kleines Wochenend-Café in unseren Privaträumen als Ort für kulturellen und sprachlichen Austausch. Hier stellten wir Bücher, Zeitschriften, Filme, Musik, Bilder und Gerichte vor die uns am Herzen liegen und/oder aus unserem näheren Umfeld stammen. Als Biblioteka mobil besuchten wir außerdem Ausstellungseröffnungen befreundeter Künstler und Künstlerinnen und Initiativen in unserer Nachbarschaft. Der gewünschte Austausch zwischen Menschen hier und Menschen dort, die Freude daran haben Ländergrenzen zu übertreten, findet weiterhin statt.

 

Kurzbiografie Visionerski Transport

Einst waren wir als Visionerski Transport auf den Flüssen Vrbas und Sava unterwegs. Bei vielen Landgängen wurden wir warmherzig empfangen, zu Kaffee und Schnaps eingeladen, wir saßen an Frühstückstischen und unter Sonnenschirmen, aßen Melonen oder blätterten in Familienalben. Haben Geschichten gehört über Ein- und Auswanderungen, beim Fischen am frühen Morgen zugeschaut und Geschichtsunterricht erhalten.
Die 450 Flusskilometerlange Reise, von Kukulje (BiH) nach Belgrad (RS) mit einem selbstgebauten Floß liegt nun schon fast 4 Jahre zurück, aber die entstandenen Verbindungen wurden gehalten, Hochzeit gefeiert, Vereine gegründet, Ausstellungen eröffnet, Bücher gedruckt, Sprachen gelernt, Diplomarbeiten abgegeben und immer wieder mit viel ideellem und reelen Gepäck auf der Achse Berlin-Leipzig-Belgrad gependelt.
VT arbeitet kollektiv und individuell an der Verstärkung der Kontakte zwischen den Ländern, die die Mitglieder als ihre Lebensmittelpunkte begreifen. VT sieht, findet heraus, sammelt und tauscht Wissen aus. Das heißt, dass VT Informationen erweitert, neu verbindet und mit seinen Umgebungen teilt. VT mixt und repräsentiert offene Belange, Transnationalitäten, Berufe und soziale Hintergründe.